Arzt4Empfaenger's Blog

Juni 21, 2010

Unfaßbar!

Filed under: Favoriten,gesehen und gehört,Gesundheitssystem — arzt4empfaenger @ 9:04 am

(Basically, the president of one large German anesthesiologists´society made a very disrespectful comment about locum doctors in Germany, who are still „new“ here although it´s an internationally successful or renowned activity form; it´s hard to translate but imagine replacing the „service“ in „health service“ with „mischief“.)

Im Focus Online-Artikel „Narkoseärzte haben es sich bequem gemacht“ spricht Herr Schüttler wieder einmal vom Honorararzt-UNwesen. Der Artikel ist eine Frechheit und entbehrt nicht unbedingt einer gewissen Stammtisch-Dynamik.*
Mehr dazu später…

Zum eigentlichen Affront, dem Thema freiberuflicher Anästhesisten:
Ich halte die Entwicklung dennoch für sehr problematisch, weil bei Honorarärzten die üblichen Mechanismen der Qualitätssicherung nicht greifen. Sie kommen und gehen, sind nicht eingebunden in ein Team. Das Honorararzt-Unwesen ist der Feind einer qualitativ hochwertigen Medizin. Viele Krankenhäuser kämpfen deshalb darum, diese Entwicklung wieder rückgängig zu machen.
“ (Zitat Schüttler)

Die Unseriösität dieser Aussage raubt mir den Atem! Der von mir fett hervorgehobene Satz ist in seiner Polemik kaum zu übertreffen.
Auch Honorarärzte sind, wie alle Ärzte, an die gleichen ärztlichen Pflichten gebunden und müssen sich an die Qualitätsregeln halten, zudem sind Honorarärzte zu großen Teilen aus der Klinik „ausgestiegene“ Fachärzte mit einem großen Erfahrungsschatz, auch ehemalige Oberärzte oder Chefärzte.
Wer sich in Teams nicht einarbeiten kann, wird in der Regel nicht Honorararzt (oder sollte es sich zumindest nochmal überlegen), aber auch der sozialverträglichste Honorararzt kann nichts ausrichten, wenn er mit einem „kaputten“ und von Neid, Mißgunst, Frust und Resignation geprägten „Team“ (das der Bedeutung des Begriffs kaum noch gerecht wird) oder einer Klinik mit suboptimaler Infrastruktur konfrontiert wird.

Anstatt das Potential zu sehen, daß in gezieltemEinsatz von Honorarkräften besteht, fällt er ihnen – scheinbar aus persönlicher Laune heraus und nicht fundiert – in den Rücken. Ohne Studien oder andere Quellen anzuführen, aus denen er seine „Erkenntnisse“ zieht. Das ist in meinen Augen reine Stimmungsmache!

Was den letzten Teil des Zitates angeht, da müssen die Krankenhäuser doch nicht kämpfen – bezahlt eure Ärzte angemessen, entlastet sie, anstatt sie untereinander auszuspielen (u.a. aber nicht ausschließlich z.B. furch Honorarkräfte, die Krankenvertretungen übernehmen anstatt die Kollegen, die frei hätten, in den Dienst zu erpressen), bezahlt die Überstunden und bietet eine gute Weiterbildung an. Behandelt eure Studenten und PJler nicht wie Dreck und unbezahlte Sklaven, wenn ihr das Fach und die Arbeit in der Klinik generell attraktiv halten wollt. Ist das so schwer zu verstehen? Ich fass es einfach nicht.

Unter Firefox scheint die Kommentarfunktion der Focus Online-Seite übrigens nicht wirklich gut zu funktionieren, Safari hat hier ausnahmsweise bessere Dienste geleistet. Gerade durfte ich abr feststellen, daß der Admin der Seite Kommentare, die „gegen die Netiquette verstoßen“ nicht veröffentlicht… wer kommentieren will, muß sich also Worte der Kritik wie „Stammtischniveau“, „unseriös“ und „polemisch“ verkneifen.


Seinem Fach tut er wirklich (k)einen großen Dienst. Er kritisiert, daß sich „viele Kollegen“ in „trügerischer Sicherheit“ wiegen, wobei fraglich ist, ob er damit nicht größtenteils Honorarärzte (von denen schätzungsweise über 30% Anästhesisten sind) meint. Vielleicht klingt das aber nur für mich so.
Im Artikel beruft er sich auf neue Studien (ohne genaue Quellenangabe), denen zufolge „jeder 10.000. Patient im Anschluss an eine Narkose stirbt“, während es in den 90ern noch jeder 250.000. Pt. gewesen sei… (Nun, wenn man sieht, was für multimorbide Wracks – ich benutze diesen Begriff jetzt mal provozierend und ganz und gar nicht politisch korrekt – heutzutage noch in den OP geschoben werden, wundert es einen nicht, daß relativ mehr Patienten versterben, falls diese Daten denn stimmen sollten – das schlimmste, was ich mal sehen „durfte“ war die uralte Mamma-Ca.-Oma, die sie ungelogen mit annähernder Schnappatmung in der Einleitung abgeben wollten… wie ticken die denn?!).
Herr Schüttler ist sich der erhöhten (Multi-)Morbidität der heutigen Patienten anscheinend auch bewußt und sagt einerseits, daß man das reine Narkoserisiko kaum abschätzen könne, da sie „untrennbar mit der Operation an sich verbunden“ seien; daß die OP auch ein Problem sein könne, schließt er unmittelbar danach allerdings wieder aus. Am witzigsten finde ich noch die Bemerkung, daß es bei der Sterbehäufigkeitsauswertung der Studien um Eingriffe unter Anästhesie ginge… ist ja irgendwie klar, daß bei einer Fingernagel-OP in Lokaler das Sterberisiko geringer ist, und wie viele „größere“ OPs ohne Anästhesie gemacht werden, möchte ich gerne mal wissen. Daten über die Sterbehäufigkeit bei großen Eingriffen ohne Anästhesie gab es vermutlich eher zu Zeiten der Feldlazarett-OPs an der Front… (Hier ham‘ se ihren Beißkeil, Herr Müller):/
Wie gesagt, da tut er seinem Fach einen tollen Dienst, will er so den Nachwuchs ansprechen? Eher nicht.

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